Die Sprache Techno

Moritz Esyot

Das Techno nicht jeder versteht ist keine Neuigkeit. Wenn ich beispielsweise meine (musikalisch relativ aufgeschlossene) Mutter um eine Bewertung bitte, kommen so antworten wie: “Verschon’ mich mit dem Pferdegetrappel!” oder “Gibt’s den Lärm auch in gut?”. Das Verstehen bezieht sich in dem Fall mehr auf das Verständins für die Musik als auf das entschlüsseln der musikalischen Codes. Zugegeben bei bretthartem Techno scheint das relativ einfach. Fou-To-The-Floor Beat plus ein paar nette Synthieflächen, vielleicht klackert hier und da mal noch eine Hi Hat oder eine satte Snare klingelt einem durchs Gehör. Auch wenn wir House noch ein bischen um Vocals oder organischere Instrumente bereichern und das Tempo drosseln, letztendlich bleibt es immer der 4/4 Takt der die bestimmende Variable der Tanzmusik ist. Ein Code auf den man sich einigen kann. Sozusagen das Grundvokabular.

Doch Sprache besteht aus mehr. Tanzmusik ist Clubmusik, und der Club damit der beste Platz diese Sprache wirklich zu erlernen oder zu verstehen. Was ist schon ein 8 Minuten Track auf dem iPod gegen ein 4 Stunden Set auf der Tanzfläche. Ein Set, bei dem der DJ mit seinem Publikum interagiert – es leitet – ihnen sowohl die Ausrastphasen und Hochs, aber auch die Verschnaufpausen gewährt. Das ist es was diese Musik zu einem eigenen Code macht. Ihn zu verstehen vermag nicht, wie bei anderer Musik, durch das Hören auf der heimischen Anlage gelingen. Wie bei Sprache lernt man die Vokabeln in der Schule, das Sprechen und Verstehen jedoch erst beim Gebrauch. Tanzmusik findet nunmal im Club, auf Open Airs oder auf der Afterhour statt und genau dort erlernt man das Verständins oder Begeisterung für diese Art von Musik.

Von dieser Sprache erzählt der Film Speaking in Code der seit dem 29.03. endlich auch als DVD geordert werden kann. Amy Grill begleitet verschiedene DJs bei ihren Plattenkäufen, auf Festivals, beim Controller löten und in die Clubs. Insgesamt durch 11 Städte ziehen sich 6 Stories, unter anderem die der Wighnomy Brothers, Modeselektor, Monolake und vielen mehr. Dabei ist Speaking in Code mehr als eine einfache Techno-Doku. Viel mehr geht es um die Künstler und die Geschichten hinter der Musik, einem Setaufbau, oder der pedantischen Tüftelarbeit beim produzieren.

Die dokumentarische Herangehensweise kommt dabei ohne triefenden Techno-Pathos oder glorifizierenden Personenkult aus. Speaking in Code wirkt dabei nüchtern aber dennoch intim und macht dem geneigten Zuschauer eine richtig gute Portion Laune auf das bevorstehenden Feiern. Also schnell bestellen und idealerweise Freitag während dem Warm Up anschauen. Und danach schleunigst in die Clubs um Code zu entziffern.

Denn letztendlich ist der Film nur eine weitere Darstellung des Vokabulars. Wenn auch eine sehr schöne. Ich werde also nicht drum rum kommen meine Mutter einmal mit in den Club zu schleppen und sie zu 3 Stunden Tanz zu zwingen. Wenn sie danach immer noch nicht auf den Trichter gekommen ist, kann sie ja auch einfach behaupten sie wäre nicht so sprachbegabt.

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  • http://www.thelager.de Flo

    Ich glaube eine Sprache lernen wollen, das sollte als Erstes aus dem Herzen kommen, dann liegt einem die Sprache auch. ;)

    Und manchmal ist es auch gut, wenn nicht jeder diese Sprache versteht. Oder? ;)

    Top Artikel – Haste den Film schon gesehen?

    Auch empfehlenswert: Making Contact von M_nus. War bei der Weltpremiere zu der Richie hier in Berlin vor 2 Monaten geladen hatte. Serh techi aber auch interessant.

  • R.

    sehr philosphisch mein lieber Moritz!
    bravo!

  • bonny

    mein lieber moritz ich bin dabei, in welchen club gehen wir. brauch aber danach wahrscheinlich ein bischen erholung..oder besteht echte suchtgefahr??